Filmtipp, falls Ihr ihn am Freitag versäumt hattet...




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Filmtipp, falls Ihr ihn am Freitag versäumt hattet...

Beitragvon toggle bis 12. Jan. 2012 » 27.07.2008, 22:00

Filmtipp, falls Ihr ihn am Freitag versäumt hattet...
Ich hoffe, der Link funktioniert direkt. Sonst kommt Ihr über arte.de dorthin, einfach arte aufrufen, ganz nach unten zu "Alle Videos auf arte + 7" und 25.7. 21:00 Uhr "Ein starker Abgang" auswählen. Ich fand den Film stark.
Bald gucken - keine Ahnung, wie lange der Link verfügbar sein wird.
Liebe Grüße
toggle



Ein starker Abgang
gesendet Freitag 25 Juli 2008 um 21.00, Dauer: 1h 28min
(Fernsehfilme auf ARTE, Fernsehfilm, Spielfilm, Freitag, 25.07.)

Heinz Kilian, ein alternder fast vergessener Schriftsteller und Misanthrop leidet an einer Magenerkrankung. Als ihm die Ärzte nicht mehr helfen können, nimmt sich die naturgläubige Ernährungsberaterin Vera Hartel seiner an. Gemeinsam gehen sie auf Lesereise, die zu einem Dauerduell wird. Eine Tragikomödie - komisch, warmherzig und zugleich traurig. Geschrieben für zwei große Schauspieler: Bruno Ganz und Monica Bleibtreu.

Heinz Kilian ist ein alternder fast vergessener Schriftsteller und ein Misanthrop. Seit längerem fühlt er sich nicht wohl. Eigentlich nichts Schlimmes, bloß so ein "Grummeln" im Magen. Morgens um vier wird er davon wach und es verlässt ihn auch tagsüber nicht. Der intelligente Mann entwickelt sich zum Hypochonder, holt sich Gesundheits-Tipps von Freunden und Bekannten. Doch all das fruchtet nicht. Endlich überwindet er sich und geht doch zu seinem Hausarzt, der ihn aber nicht einmal mehr kennt und an einen Facharzt verweist.
Eine Magenspiegelung bleibt ohne Befund. Doch Auslöser für Kilians Grummeln könnten seine verheerenden Ernährungsgewohnheiten sein: Kaffee, Nikotin, Kekse, Schokolade und Wurstbrote! Dr. Kübler empfiehlt ihm dringend eine Ernährungsberaterin - zur Kontrolle und Verbesserung seiner Essgewohnheiten. Kilian wehrt sich vehement dagegen, doch dann steht sie eines Tages vor ihm: Vera Hartel, selbstbewusst, freundlich und unerbittlich. Sie macht Kilian von Beginn an buchstäblich wahnsinnig.
Diese strenge Frau wird in den nächsten Wochen während einer Lesereise durch die Provinz nicht von seiner Seite weichen. Diese Lesereise hat ihm sein Verleger Plöger verordnet. Viel verspricht Plöger sich für den Verlag nicht davon, aber er ist seinem Patenonkel Heinz Kilian sehr verbunden, dessen Werke schon sein Vater verlegt hat. Als Fahrer und Mädchen für alles wird Kilian von Plöger Hans Behling zur Seite gestellt, ein stiller, feinsinniger junger Mann.
Schnell wird die Reise zu einem Dauerduell zwischen Misanthropie und Hoffnung, zwischen Zynismus und Nachdenklichkeit, zwischen Mann und Frau. Denn hier treffen zwei Menschen aufeinander, die zu lange ihr Leben gelebt haben, um sich jetzt noch von ihren Grundsätzen abbringen zu lassen.
Als Kilian die niederschmetternde Diagnose bekommt, dass er an einer seltenen, inoperablen Krebsart leidet, schafft er es endlich, sich seinem Leben zu stellen und auf Vera Hartel zuzugehen...

(Deutschland, 2008, 88min)
ZDF
Regie: Rainer Kaufmann
Kamera: Klaus Eichhammer
Musik: Annette Focks
Schnitt: Christel Suckow
Darsteller: August Zirner, Bruno Ganz, Harald Schrott, Jörg Gudzuhn, Monica Bleibtreu, Stefant Kurt, Fritzi Haberlandt (Cowgirl)
Autor: Martin Rauhaus
Kostüme: Lucie Bates
Ausstattung: Gabriele Wolf
Produktion: ARTE, ATF - Aspekt Telefilm, ZDF
Redaktion: Gabriele Heuser
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von Anzeige » 27.07.2008, 22:00

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Beitragvon Regina » 28.07.2008, 12:36

Hi Toggle,
ich habe den Film am Freitag gesehen und fand ihn auch stark. Kein Wunder, bei den Darstellern.
:wink:
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Beitragvon Harlekin » 28.07.2008, 13:16

Okayyyyyyy :wink:

Der Film hat mich jetzt ein beachtliches Stück meines "freien" Vormittags gekostet, *lach*, aber das war es wert!
Und Entspannt hab ich mich trotzdem mit "Füße auf´m Schreibtisch!"

Dank dir für den Tipp,
rhetorisches Meisterstück - und das vermilmt und super gebracht, alle Achtung.
Incl. einiger offener und auch biestiger Lacher trotz der Ernsthaftigkeit die drin steckt :-)

- na, dass das DEIN Film war/ist lieber Toggle wundert mich mit Nichten!!!
(hab ich überhaupt Nichten oder nur Neffen??? kleiner Scherz beiseite, bloß nicht lachen, ist viel zu waaaarm)

Mit lieben Grüßchen
Harlekin
*** STERNE lassen sich nur ungesattelt reiten!!! ***
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Beitragvon miljas » 28.07.2008, 15:26

Hallo,

7 Tage stehen die ausgewählten Beiträge bei Arte immer zum Abruf bereit.

Ich habe mir den Film auch angesehen.
Es ist eine Art Road-Movie. Es gibt zwar in Deutschland keine Roads, aber so ganz unerfahren ist man in Deutschland ja nicht, wenn ich an die Flüchtlingszüge über die Landstraßen '45 denke.
Hier ist es nun also eine Lesereise.
Bruno Ganz spielt den grantigen Schriftsteller-Kauz Killian gut.
An manchen Stellen erinnerte es mich an Heinrich Böll. Oder irre ich mich da?
Dann gibt es eine Szene, in der Ganz ziemlich ausfällend wird, und ich kann mir dabei sehr gut vorstellen, wie er den Adolf Hitler im Film "Der Untergang" gespielt hat. Den Streifen habe nicht gesehen, nur einen Ausschnitt - der Film schien mir auch ziemlich entbehrlich.

Die Instrumenten-Arzt-Szenen hier waren sehr gut.
Wenn ich richtig zählte, gab es "schon" beim vierten Arzttermin mit unterschiedlichen Ärzten die zutreffende Diagnose. Und das trotz des Einsatzes aller zur Verfügung stehenden medizintechnischen Mittel. Ich vermute, ausschließlich nach Autopsien fallen die Diagnosen krankhafter Veränderungen fast hundertprozentig und sofort zutreffend aus. Nur die Heilungschancen sind dann natürlich überhaupt nicht mehr gegeben.

Sollten Menschen angesichts ihres bevorstehenden Todes tatsächlich nachsichtiger gegen sich selbst und gegen andere werden? Vielleicht gelingt das nur denjenigen, die quasi in sich ein vielfältigeres Rollenrepertoire tragen und die dann das langjährige (lebenslange) Geben der immer gleichen Rolle, dann in einem letzten Aufbäumen doch noch einmal wechseln können - sozusagen auch zur "lebenden echten" Nicht-Rolle, bei der das "Spielen" auch nur die Bedeutung der Optimierung, nicht mehr das Hervorbringen an sich darstellt. Insofern war es vielleicht auch gut, daß gerade ein Schauspieler dieses Problem einmal vorgespielt hat.
(Ja, seltsam - Frau Bleibtreu hat ja auch gut gespielt bis zum Ansatz einer Modifikation am Schluß, aber wenn sich der Ganz-Killian nicht gewandelt hätte, dann hätte sie ihn doch nicht empfangen, oder?)

Viele Grüße

miljas
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Beitragvon toggle bis 12. Jan. 2012 » 28.07.2008, 19:04

Freut mich, freut mich sehr, dass Ihr auch Spaß dran hattet! Danke auch für den Hinweis auf die 7 Zage, miljas! Jaja, der Ganz - also das mit dem Ausflippen, wie er sich da in der Fußgängerzone aufführt, aber auch in einer ganzen Reihe anderer Szenen, habe ich immer wieder an seine Hitlerdarstellung genken müssen. Er war mit der Sprache anders, aber die Mimik - heftig. Und wenn er heftig wurde - heftiger! Es gibt Momente, da dachte ich, er spielt sich selber. Nein, ich kenne Bruno Ganz ganz und gar nicht, habe auch sonst keine anderen Filme (außer dem Untergang) mit ihm gesehen und nichts über ihn gelesen, aber die Nähe in der Darstellung zwischen diesen beiden Rollen fand ich schon auffällig. In so fern, miljas, war es für mich auf jeden Fall interessant, den Vergleich mit dem "Untergang" zu haben. Im Übrigen finde ich den Untergang auch sehenswert, weil er - aus meiner Sicht - ein Stück deutsche Geschichte darstellt und den Nazi-Irrsinn in seiner Endphase für diejenigen, die ihn nicht erlebt haben (was wohl für uns alle hier im Forum gilt), bildhaft lebendig werden lässt und seine Abstrusität und seinen menschenverachtenden Fatalismus verdeutlich. Also, ich denke, es ist mit Sicherheit keine vertane Zeit, sich dieses Oeuvre anzusehen.

Aber zurück zum "Abgang" ;-) Allerdings sind da einige Szenen drin, bei denen ich hellauf gelacht habe. Die Tour d'Arzt ;-) , die Götter in weiß auf die Schippe genommen, herrlich! Irgendeine kenne ich ;-) , die sagt immer, wenn Du zum Arzt gehst, musst Du ihm sagen, was Du hast, damit er es Dir bestätigt! Oh, Patient, der Du nicht Dein eigener Arzt bist, Du bist verloren!*) Es sei denn, Du hast eine Hausärztin, wie ich sie habe. Und eine Schwester, die ebenfalls Ärztin ist und mit der Du alles noch einmal durchkauen kannst. Und einen Schwager, der Dir Deine Zähne richtet. Insofern bin ich gar nicht so schlecht dran.

Aber allein das, was ich kleinen - aber feinen! - Unterschieden in der Art der Behandlung bei meiner Stiefgroßmutter im Januar erlebte, nachdem sie zunächst als Notfall kassenpatientenmässig behandelt wurde und ich die Verlegung auf die Privatstation erst zwei Tage später veranlassen konnte, war beachtlich! Das medizinisch Notwendige, was die Kasse zahlt, umfasst eben nicht das medizinisch Sinnvolle und schon gar nicht das medizinisch Machbare! Das wurde mir in diesem Fall sehr deutlich vor Augen geführt.

Ach, was ich noch erwähnen wollte: Die meisten medizinischen Wendungen, Diagnosen und Untersuchungen etc. waren ärztlich gut betreut, sehr authentisch gewesen, trotzdem sind mir ein paar Kleinigkeiten aufgefallen, wo die Aussprache nicht korrekt war, die Hiatushernie z.B. wurde falsch ausgesprochen. Man hatte die Aussprache offenbar für so unwichtig gehalten, dass sie nicht noch ärztlich abgesegnet worden war. Ich muss bei solchen Gelegenheiten innerlich grinsen, es menschelt eben überall ;-) . Und ich finde das auch in Ordnung, wir sind ja zum Glück keine Maschinen.

Alla guud, onneres Mol widda *lach*
Gruß
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Beitragvon miljas » 29.07.2008, 12:28

Hallo toggle,

zu dem Film "Der Untergang" möchte ich doch noch etwas sagen, weshalb ich von diesem Vorhaben nicht begeistert war.

Zunächst einmal war ich etwas befangen insofern, daß ich als Jugendlicher ein sowjetisches Filmepos sah. Es hatte wohl 5 Teile und hieß "Befreiung". Sicher kann man sich heute auch über diesen Film streiten, ob die historischen Fakten alle korrekt dargestellt wurden - ich habe das damals nicht so tiefgehend betrachtet. Denn natürlich war es ein Film aus der Sicht der Sieger, aber der deutsche Gegner wurde nicht herabgewürdigt. Und das war auch völlig in Ordnung so - anderenfalls hätte man den hart erkämpften Sieg natürlich auch entwertet. Im letzten Teil der Filmserie ging es um die Kämpfe in Berlin, die am Ende in einem Straßen- und Häuserkampf mündeten. Über die Geschehnisse in diesem Bunker wurde auch etwas gezeigt und gesagt. Hitler wurde dort nicht direkt gezeigt - er war nur als Schatten präsent. Man konzentrierte sich hinsichtlich dieses Bunkers auf das Schicksal der Familie Goebbels, die ihre Kinder (ich glaube 5 Kinder waren es) vergiftete. Und das dieses Geschehniss eine unerhörte Begebenheit war, in diesem Bunker - das war klar. Der Hitler war in diesem Bunker also nur noch ein Schatten seiner selbst - an ihm selbst konnte man eigentlich dann auch nichts mehr zeigen, wie ich finde. Noch am 20. April '45 war er immer noch der "Führer" bei der Begegnung mit in Unifomen gesteckte Kinder. Er war vielleicht physisch angeschlagen, aber geändert hatte der sich im Denken nicht. Das wirklich Schreckliche (abgesehen von diesem Mord an den Goebbels-Kindern) spielte sich ja auch außerhalb ab. Da waren noch Alte und Halbwüchsige mobilisiert worden, um russische Panzer aufzuhalten. Da wurden desertierte Soldaten ohne gültige Papiere aufgegriffen und einige noch von fanatischen SS-Leuten umgebracht. In Berlin sollte eine Spree-Brücke gesprengt werden. Und man flutete den U-Bahn-Schacht, in dem Hunderte Zivilisten Zuflucht gesucht hatten, um das Vordringen der Russen zu behindern.

Von Hitler gibt es so viele Fotos und so viele Film- und Rundfunkaufnahmen - den muß man nicht mehr spielen.
Allerdings sind mir viele kommentierte Beiträge a la Guido Knopp auch suspekt. Wir sind doch keine Marionetten der Geschichtsbetrachtung. Was wir brauchen ist das möglichst umfassende Bild, zu der dann ein Kommentar das bleibt, was er ist und bleiben sollte - ein Kommentar mit der erforderlichen Zurückhaltung und dem Erkennbarmachen seiner Diskussionswürdigkeit.

Charlie Chaplin hat natürlich eine geniale Satire gefunden, aber schon zu Lebzeiten Hitlers.
Und wenn man schon eine gewisse Distanz hat zu dieser Person Hitler, dann funtioniert natürlich auch die satirische Verwendung seiner Merkmale - seiner Körpersprache, seiner Stimme und seiner Sprech- und Ausdrucksweise. In der Sendung extra3 des NDR hat man sich dessen bei der Kommentierung der NPD-Aktivitäten bedient. Das finde ich schon angemessen, weil man ja in der NPD nach außen hin immer versucht, eine Hitlernähe und eine Nähe zur Nazizeit nicht so raushängen zu lassen.

Ich denke, dieser Film "Der Untergang" war doch mehr auf das Sensationelle und Spektakuläre gerichtet, um geschäftlichen Erfolg zu haben. Ich las einen Bericht über die Dreharbeiten - Außenaufnahmen wurden in St. Petersburg gemacht. Die Begründung war die, daß es nirgendwo sonst in Europa noch so heruntergekommene Fassaden der Häuser gab, wie dort. Aber wer es weiß, daß diese Stadt 900 Tage einer Hungerbelagerung durch Hitlers Armeen ausgesetzt war, der kann sich vorstellen, daß ältere Menschen beim Anblick der Nazi-Kulissen schockiert waren. Und auch Ganz äußerte, daß er sich bei den Dreharbeiten dort sehr unwohl fühlte. Es gibt einfach Dinge, die man nicht machen darf und nicht machen sollte, auch wenn sie nicht ausdrücklich gesetzlich verboten sind.

Summa sumarum - man sollte für Hitler die historischen Dokumente und Quellen, die existieren verwenden und sich in der filmischen Darstellung mehr um die "Umgebung" von Hitler, um den "Deutschen an sich" bemühen. Der ehemalige Bundestagspräsident Jenninger sprach von dem "Faszinosum" Hitler und mußte wegen dieser Äußerung zurücktreten. Aber genau das ist der Punkt. Hitlers Auftauchen im Bunker in einem schlechten Zustand macht das Vorangegangene nicht ungeschehen. Es entstand ja mit der Nazizeit ein vielschichtiges Gebilde. Dazu gehörten Begeisterung, brutale Unterdrückung politischer Gegner, Rassenhaß, Militarismus.
Wenn ich den emotionalen Anteil in mir bestimmen ließe, würde ich auch eher sagen - dieser Hitler ist (auch) eine furchtbare Peinlichkeit für Deutschland. Auch unter diesem Aspekt besteht absolut kein Bedarf, ihn wieder "gegenständlich" aufleben zu lassen. Wie gesagt - nicht in Filmen. Und auch nicht im Wachsfigurenkabinett in Berlin. Dort hat man kürzlich eine Hitlerfigur, auch in dieser Bunkerkulisse, nur wenige hundert Meter vom Originalort entfernt, aufgestellt. Vielleicht sollte ich meine Meinung dazu noch einmal überdenken - wenn Madame Tussauds als nichtdeutsche Firma (USA, GB,?) der Meinung wäre, uns Deutschen damit sagen zu wollen: "Was habt ihr Deutschen uns und der Welt damals für einen Idioten als Euren politischen Führer beschert?", dann würde ich das akzeptieren. Aber die sagen bei Tussauds ausdrücklich, daß sie nicht politisch sind, sondern nur die Geschichte darstellen wollen.
Und das ist genau das gleiche Problem, wie bei dem Bunkerfilm. Da wäre es ja viel wichtiger hier in Deutschland darzustellen, wie das ganze Malheuer begann. Hitler ist nämlich, absolut gesehen, genau das, was wir und die Welt im großen und im kleinen durchaus auch benötigen - nämlich Menschen, die begeistern können. Nur die konkreten Ziele und die Wege dorthin, die Hitler verfolgte und beschritt, zum Teil von Anfang an unverhüllt, zum Teil kaschiert, und daß die Deutschen das kritiklos entgegennahmen - das war das eigentliche Problem.

Und hier findest Du übrigens ein Interview der ZDF-Redaktion der Sendung "aspekte"

Hitlers Leibwächter

mit dem noch lebenden letzten Zeitzeugen (91) aus diesem Bunker. Ich kenne diesen Menschen nicht weiter - er hat jetzt ein Buch geschrieben und aus diesem Anlaß wurde das Gespräch geführt. Der Mann macht auf mich den Eindruck, einer seriösen Darstellung, umso mehr, da er sich nicht von der Nazizeit distanziert.

Und zu dem Schauspieler Ganz möchte ich noch sagen - er stammt wohl aus Süddeutschland oder Österreich. An einer Stelle weiter hinten im Film, als er allgemein freundlicher wurde, konnte ich auch mal kurz, also auch in der Mundart, den bayrischen Beckstein aufblitzen sehen.

Viele Grüße

miljas

PS:
Dieser Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 12.3.07 ist ja auch ganz interessant:

Posthum staatenlos?

Daß es bei Hitler Probleme der Staatsangehörigkeit gegeben hat, ist leicht vorstellbar, wenn man weiß, daß er aus Österreich stammt. Den Hinweis darauf, daß die damaligen Braunschweiger Beamten Hitler den Weg an die Macht in Deutschland mit ebneten, finde ich schon wichtig und er sollte nicht so einfach unter den Tisch fallen. Aber die Schlußfolgerung, die man nun vorschlägt, nämlich Hitler posthum die deutsche Staatsbürgerschaft wieder abzuerkennen - das finde ich schon einigermaßen grotesk... Bei Ehrenbürgerschaften kann ich es verstehen, weil das Wirken dieser Personen, das man früher für ehrenhaft hielt, heute anders bewertet wird und man es dann auch so kundtut - keine Ehren mehr!. Aber Hitlers Wirken nun in "staatenloses" oder in "ehemals und ursprünglich österreichiches staatsbürgerliches" Wirken umzuwandeln - was soll das? Die NSDAP bestand ja nun nicht nur aus Adolf Hitler aus Braunau über Linz und Wien und München, sondern weiteren Mitgliedern deutscher Staatsangehörigkeit.

Staatsbürgerschaft Adolf Hitlers (Historisches Lexikon Bayerns)

Und hier sind Fotos von Bildern (Aquarellen), die Hitler angeblich angefertigt haben soll.
Ich habe nur immer gehört, daß er als Kunstmaler keinen Erfolg hatte - gesehen habe ich bisher noch nichts von seinen Werken:

RP-online vom ?

(September 2006 war das : Spiegel online 26.9.2006 )

Dabei hätte er mal ausschließlich bleiben sollen...
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Beitragvon miljas » 29.07.2008, 19:43

Hallo toggle,

mir ist auch noch etwas durch den Kopf gegangen, weshalb ich diesen Untergangs-Film überhaupt nicht so gut finden kann.

Ich denke, diesen Untergang so zu zeigen, mit diesem Bunker, und dann quasi auch diese Interpretation zu suggerieren: "So endet so etwas." - das ist zu einfach und zu gefährlich. Denn es gibt ja einige Fakten, die diese Bedenklichkeiten hervorrufen können:

Auf Seiten der Sowjetunion kämpfte ja tatsächlich ein "General Winter" mit bzw. die faschistische Wehrmacht hatte sich nicht auf einen solchen Gegner - einen "General Winter" - eingestellt - man setzte auf einen Blitzkriegssieg, wie gehabt, und sah Sowjetrußland als einen "Elefanten auf tönernen Füßen" an. Aber was wäre geschähen, hätte man diesen Krieg tatsächlich blitzartig gewonnen und die Ölvorkommen am Kaspischen Meer in die Hände bekommen? Immerhin stand die Wehrmacht ja schon vor Moskau und konnte die Sterne an den Kreml-Türmen durch die Feldstecher sehen.
Die britische Marine konnte mit einem deutschen U-Boot das Enigma-Kodiergerät und damit den Verschlüsselungscode des gesamten deutschen Funkverkehrs zu den U-Booten in ihre Hände bekommen. Was wäre gewesen, wenn die deutsche Kriegsmarine ihre U-Boot-Flotte nach Gegenmaßnahmen hätte weiter sehr wirksam einsetzen können?
Die Amerikaner begannen nach ihrem Kriegseintritt eine produktive Rüstungsindustrie zu schaffen - jeden Tag wurde dann zum Beispiel ein Schiff fertiggestellt.
Die Deutschen entwickelten, bauten und setzten aber auch die ersten Raketen größerer Reichweite ein. Nach Kriegsende baute der deutsche Raketen-Entwickler in den U.S.A die ersten amerikanischen Interkontinentalraketen.
Bei der Entwicklung der Atomwaffen und der Trägermittel (Bomber) waren die Amerikaner die ersten. Den Tipp, diese Entwicklung zu beginnen, gab ihnen Einstein. Was wäre gewesen, wenn es in Deutschland zwar einen nationalistischen Faschismus, aber einen ohne Diskriminierung der Juden gegeben hätte ?
Ich will damit nur sagen, daß es zwei Dinge sind, ob man eine menschenverachtende Gesinnung und eine derartige Politik und deren Vertreter geistig und moralisch entgegentritt und es auf dieser Grundlage zurückweist, oder aber man es auf der Grundlage von militärgeschichtlichen Entwicklungen und deren Ergebnissen, wie diesem Bunkerende, macht. Das trifft in diesem Falle zu, daß es so endete, aber der Ausgang war möglicherweise viel knapper, als es den Anschein hat. Und die Welt ist nach wie vor hoch gerüstet und ob die mehr oder weniger hoch entwickelten Demokratiemechanismen nicht irgendwann einmal versagen können - wer will und kann das garantieren? Der riesige militärische und der geistige Sprengstoff in der Welt muß entfernt werden. Diese Bunkergeschichte war natürlich für unsere Vorfahren bedeutsam und richtungsweisend - als ein Ende und ein Neuanfang. Aber wenn sich irgendwann Leute finden, die so etwas wieder versuchen wollen, und die genug Anhänger finden, sich daran zu beteiligen, und die auch intelligent genug sind, dasjenige von damals als das zu sehen, was es war - nämlich vor allem auch technisch-organisatorische Schwachstellen und Schwierigkeiten - diejenigen kann man mit dieser Bunkergeschichte nicht beeindrucken.


Viele Grüße

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Beitragvon miljas » 30.07.2008, 22:43

Hallo,

wenn es erscheinen mag, daß ich es hier ein wenig hin- und hergehen lasse und, weil oberhalb mehr Ernsthaftes steht, nun kein anderes Zimmer mehr betreten werden darf - gestern war gestern und heute ist heute. Ich habe gerade noch etwas zum Thema Buchlesung gefunden. Und es mag ja sein, daß es viele tolle Schriftsteller gibt, aber es gibt noch viel mehr tolle Leser. Hier ist ein Beweis (der stammt noch aus der Voreurozeit):

[align=center]Hape Kerkeling - Schriftsteller[/align]



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Beitragvon Gast » 31.07.2008, 09:44

Lieber Miljas,

bei allem Verständnis für Deine ausführlichen Ausführungen, auf die ich hier nur ganz kurz eingehe, bin ich doch anderer Meinung, was den Film "Der Untergang" betrifft. Zum einen wurde und wird H. derart dämonisiert, dass ich es wichtig finde, sich bewusst zu machen, dass es sich hier nicht um eine dämonische Macht, sondern um einen Menschen gehandelt hat, und wozu eben Menschen fähig sind, auch die, die sich und ihre Seele im Dunstkreis von Macht verlieren. In diesem düsteren Film kommt auch sehr gut H.s krankes Gehirn zum Ausdruck, finde ich.
Hinzu kommt, dass ich in der Nachkriegszeit aufgewachsen bin und - nicht nur in meiner Umgebung - über Verbrechen und Leiden der damals jüngsten Vergangenheit ein großer Mantel des Schweigens gebreitet wurde. Erst 1979 wurde im Fernsehen die Serie "Holocaust" gezeigt, und ich erinnere mich, dass sie einschlug wie eine Bombe.
http://www.dhm.de/lemo/objekte/pict/Neu ... Holocaust/

Von dieser Seite habe ich den Link, werde gelegentlich auch noch andere der dort gezeigten lesen:
http://www.zeitgeschichte-online.de/sit ... fault.aspx

Bin mir ziemlich sicher, dass sie meine Worte untermauern.

Ich selbst bin froh über jegliche Auseinandersetzung mit dem Thema H., Holocaust und Krieg. Doch leider: Was hat Geschichte die Menschheit bisher gelehrt ...
Dies nur in Kürze dazu.
Und noch kurz:
Die gewisse Wachsfigur in Berlin finde ich allerdings auch sehr viel mehr als geschmacklos.

Bruno Ganz: Er ist ein großer Schauspieler, und ich liebe ihn sehr.

"Aspekte": Sehr gute Sendung, schaue sie mir immer an, wenn ich sie nicht verpasse.

Liebe Grüße

Rhonda
Gast
 

Beitragvon miljas » 31.07.2008, 14:22

Liebe Rhonda,

ich beginne von hinten - Zustimmung: Bruno Ganz spielte hervorragend in dem Film "Ein starker Abgang". Ich kenne ihn nicht in weiteren Rollen, kann es mir aber gut vorstellen, daß diese Qualität keine Eintagsfliege ist.

Danke für die Links - ich werde mir auch einiges durchlesen.

Ich bin wie Du ein Nachkriegskind. Gewisse Unterschiede gab es allerdings in der Betrachtung dieser Zeiten in West- und Ostdeutschland schon. Daß es zu schlimmen Verbrechen gekommen war, die von der Nazi- und der Wehrmachtsseite ausgingen - diese Sichtweise war in der DDR Staatsverständnis von Anfang an. Wir wurden als Kinder und Jugendliche dahingehend unterrichtet und beeinflußt. Im Alter von 14 Jahren besuchte ich quasi obligatorisch, wie auch meine Altersgenossen, im Rahmen der Jugendweihe, ein ehemaliges KZ.
Daß allerdings alle Menschen im entsprechenden Alter mehr oder weniger in diese Vorgänge in und außerhalb Deutschlands verstrickt waren, das wurde kaum, eigentlich nicht, thematisiert. Da war zwar die Rede von Umerziehung in Kriegsgefangenlagern, aber die Erlebnisse aus dieser Zeit sprach kaum jemand als ehemals selbst aktiv Beteiligter an. Bei der Grenzgeneration verwies man natürlich auf die Manipulationssituation junger Menschen.
Ich wurde zum ersten Mal allgemein mit dieser Thematik als 4-jähriger konfrontiert, als ich im Ausland lebte und mich dort wenig ältere Kinder als Deutschen nicht zum Spielen einluden, sondern mich aggressiv fragten, ob ich Hitler kenne. So begann meine Bekanntschaft mit diesem Namen und was dahinter stand.
Und wenig später zurück in Deutschland erlebte ich dann ein tätliches Mobbing in der Schule unter anderem deshalb, weil mein Name in allen Teilen nicht deutsch war. So begann meine Bekanntschaft mit Fremdenhaß und Faschismus wurde mir vorstellbarer.
Dann hatte ich damals einen "Sommerfreund" in der Nachbarschaft (die Leute kamen immer nur zum Wochenende oder im Sommer zur Erholung auf ihr Grundstück). Und meine Großmutter bemerkte dazu, daß das doch Juden seien. Was sind denn Juden?, fragte ich mich dann.
Und so begann mir damals insgesamt zu schwanen, daß einiges schief gelaufen war kurz vor mir.

Vielleicht schaue ich mir den Film "Der Untergang" doch irgendwann noch einmal an.
Dein Argument, Hitler nicht einfach nur als dämonisches Phenomen und Kraft, sondern als auch kranken Menschen zu zeigen - das ist natürlich ein richtiger und wichtiger Gedanke. Ich wäre der Letzte, der nicht in einer historischen Persönlichkeit auch einen Menschen sieht und sehen will. Denn das ist ja auch sehr spannend und interessant, wie aus einem Menschen eine historische Persönlichkeit wird, was sich da genau ereignete und wie das funktionierte.

Dieses Mittel und diesen Versuch, Menschen mit verschiedensten historischen Leistungen ganz allgemein, und besonders auch deren konkretes Sein und Verhalten, aus nächster Nähe darzustellen und nachzuspielen - das gibt es ja auch schon lange. Das ist ein unausgesprochen selbst auferlegter wichtiger Teilauftrag jeglicher Kunst. Ob es nun Theater ist, oder ob es Gemälde oder auch Literatur sind. Ich meinte zu den Veränderungen seit dem vorigen Jahrhundert, daß Tonaufzeichnungen, Fotos und Filme die dokumentarischen Möglichkeiten natürlich immens ausgeweitet haben. Andererseits sind die Möglichkeiten und die Anforderungen, Geschehnisse dennoch auch interpretierend nachzuspielen, dadurch sicher nicht weggefallen. Dokumente zur Geschichte in dem Umfang zu sichten, wie ein damit befaßter Historiker oder ein stark an der Thematik Interessierter - das ist natürlich auch ein großer Zeit- und Arbeitsaufwand. Ich kann es mir vorstellen, daß man ein sehr viel genaueres, sehr dicht an eine Person heranführendes Bild mit einem Film erzeugen kann. Und dies, wie gesagt, unter Zugrundelegung aller verfügbaren Dokumente und Informationen. Dann ist es ein Frage des Vertrauensverhältnisses zu den Autoren, also im Falle eines Filmes, bis hin zum Schauspieler, welchen Grad an Zustimmung man dieser Interpretation geben kann.

Und was die Frage der "Krankheit" angeht - das ist natürlich allgemein ein interessantes Problem. Welche Auswirkungen haben individuelle Krankheiten auf die Gesellschaft und in welchem Verhältnis stehen sie zu den individuellen bzw. zu den gesellschaftlichen Selbstheilungskräften? Und in welchem Stadium sind die Krankheiten jeweils? Und wie wirken sie weiter?
Zugespitzt muß man dann wohl feststellen, daß die damaligen kranken Deutschen meinten, ein besonders Kranker kann sie gesunden. Er stellte sich eben als Wunderheiler einer ganzen Nation dar und auf die Heilmethoden schaute man nicht so genau.

Viele Grüße

miljas
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