Hallo,
im Film "Hitlers Diplomaten in Bonn" bemerkt Egon Bahr, daß es in der DDR nicht anders war.
Auch dort wären ehemalige Nazis in den Staatsaufbau und -betrieb einbezogen worden.
Liste ehemaliger NSDAP-Mitglieder, die nach Mai 1945 politisch tätig waren, Bitte den ersten Link anwählen! (Text, Wikipedia)
Die DDR hatte 1968 ein "Braunbuch: Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Berlin (West)" herausgebracht. Gut 10 Jahre später erschien im Westen ein Buch "Braunbuch der Nazis in der DDR" von Olaf Kappelt (1981).
Abgesehen davon, daß ich in jedem Fall für eine sorgfältige Einzelfallprüfung bin - nun auch in der rückblickenden geschichtlichen Betrachtung - so kann und soll man natürlich allgemeine Fragen aufstellen und auch Antworten darauf suchen. Wenn es einige Leute in höheren Postitionen in den DDR-Machtstuben gab, die sogar bis zum DDR-Ende dort regierten, dann gehört das untersucht. Soweit mir und allgemein bekannt, gab es ehemalige Wehrmachtsoffiziere, die während der Gefangenschaft in Russland sich von ihrer vormaligen Einbindung in die faschistische Wehrmacht abkehrten und dann in der DDR später die "Nationale Volksarmee" mitaufbauten. Der genannte
Wilhelm Adam ist in diesem Zusammenhang natürlich eine interessante Person, da er sich sogar 1923 am Kapp-Putsch beteiligte.
Egbert von Frankenberg - ich hörte von ihm. Sein Sohn war Mitschüler in der Parallelklasse - ein netter Bursche, gutaussehend - ich bin mit ihm allerdings nicht näher persönlich bekannt geworden und hatte also auch nie einen Kontakt zu seinem Vater. Der war Pilot in der Legion Condor, wie ich jetzt erfuhr - das ist die berüchtigte Einheit, die in Spanien das Bomben von Städten erprobte und die Stadt Guernica in Schutt und Asche legte (ein berühmtes Gemälde von Picasso gibt es dazu).
Nicht in der Liste erwähnt ist
Manfred von Brauchitsch. Auch recht interessant seine Vorgeschichte, bevor er 1954 aus der Bundesrepublik in die DDR flüchtete.
Die in der Liste Genannten kenne ich also allesamt nicht aus persönlichem Erleben.
Ich würde zunächst grundsätzlich unterscheiden,
wann diese Leute in die NSDAP eingetreten sind, auch in Relation zu ihrem Geburtsjahr. Bei denen, die so um 1942-45 eingetreten sind und etwa ab Mitte der 20er geboren wurden, ist ja hochwahrscheinlich, daß diese Entwicklung das Ergebnis der gezielten und staatlich organisierten Nazi-Erziehung ab 1933 war.
Der genannte
Karl-Heinz Gerstner (geb. 1912) ist mir vom Rundfunk und TV der DDR her bekannt. Er hat immer kritisch über Mißstände in der Wirtschaft berichtet. Und wenn er nun darstellt, daß er 1935 in die NSDAP eingetreten war, um eine günstige Position für Widerstandsaufgaben zu erlangen - das ist denkbar - müßte man genauer betrachten.
Fakt ist, daß diese Fakten in der DDR nicht veröffentlicht und besprochen wurden. Daß eine solche Nazi-Vergangenheit dann auch von dem Ministerium für Staatssicherheit mißbraucht werden konnte und vielleicht auch wurde, um diese Leute allgemein zu disziplinieren bzw. sogar in die Aktivitäten dieses Ministeriums einzubinden - das ist denkbar.
Wenn man die NSDAP-Mitgliedsnummern liest (stellenweise werden sie angegeben) und es sogar eine Nummer jenseits der Grenze von 9.000.000 gegeben hat, würde mich ja einmal interessieren, welches die letzte vergebene Mitgliedsnummer war.
Hier ein interessanter Artikel über die Verhältnisse der Entnazifierung in der Sowjetzone
"Faschistische Vergangenheit in der DDR", von Dirk Teschner (Text, Telegraph, 3/4, 1998)
Wie ich früher bereits einmal feststellte, ist es für mich bedauerlich, daß diese Fragen nicht offen behandelt wurden - sogar nicht einmal in der eigenen Familie. Als mein Großvater starb, war ich 14 und wir hatten über diese Frage nie gesprochen. Mein Schwiegervater hat mit seiner Tochter auch nie über diese Fragen gesprochen (und mit mir auch nicht). Sollte mein Schwiegervater auch Mitglied dieser Partei gewesen sein, dann kommt in seinem Falle wegen seines Alters wohl eher die "Manipulations"-Schiene in Frage. Mein Großvater war älter - er wäre dann eher ein "leicht bis mittel begeisterter" Mitläufer gewesen. Aber mehr wegen der technisch-wirtschaftlichen (und damit verbunden also auch persönlichen) Perspektiven, nicht aus ideologisch-politischen Gründen.
Meine eigenen Faschismuserfahrungen waren dann (für mich) schon etwas seltsam. Als 5jähriger Deutscher wurde ich im östlichen Ausland recht aggressiv gefragt, ob ich Hitler kenne.
Als Schulanfänger in der DDR-Schule hatte ich es gegen die älteren Mitschüler schwer, weil sie mich als Prügelknaben betrachteten. Der eine von ihnen, doppelt so alt - mit kurzen roten Haaren - verlangte von mir Geld. Zweimal habe ich der Erpressung nachgegeben (es ging um keine Riesenbeträge und ich war kein "Petztyp", der sofort Alarm geschlagen hätte, aber es war schon recht dreist). Dann hat er es zum Glück von sich aus eingestellt. Für mich war das damals der erste "deutsche Nazi", den ich kennenlernen "durfte". So habe ich mir diese Typen dann vorgestellt: gewalttätige Kriminelle - und es wurde mir ziemlich unwohl bei dem Gedanken, daß sie noch nicht ausgestorben waren, sondern, im Gegenteil, sogar wieder nachwuchsen, auch in der DDR. Und ab dieser Zeit sah ich alles mit etwas anderen Augen.
Viele Grüße - miljas :t252: :t252: