Hallo,
meine Multimediafunktion ist nicht besonders in Form.
Aber dieses Filmchen habe ich mir nun doch einmal angeschaut:
Operation Gold - der Spionagetunnel von Berlin (ARD) 43:46 min
Ein halbes Dutzend Veteranen der USA berichten über jene Aktion aus dem Jahre 1954.
Die Idee dafür hatte der britische Geheimdienst. Man wollte Informationen der sowjetischen
Streitkräfte in Deutschland und darüber hinaus gewinnen. Die offizielle Version, daß die
Westallierten wissen wollten, ob und wenn ja, wann und wo, ein sowjetischer Angriff bevorsteht,
kann zutreffend sein, kann aber auch vorgeschoben sein. Der Osten hat ja über seine Spionage
immer das Gleiche gesagt. Es ging angeblich nicht um Angriff, sondern immer nur um
Verteidigung. So blöd sind wir aber nun schon lange nicht mehr - wir wissen, daß fast jede
Verteidigungswaffe auch zu Angriffszwecken verwendet werden kann. Deshalb gebe ich auf diese
Rederei nicht allzuviel.
Interessant ist natürlich die rein technisch-organisatorische Durchführung des Vorhabens damals.
Eine Spionin im Ostberliner Ministerium für Post- und Fernmeldewesen lieferte die Informationen
über die Kabelführungen. Dann wurde entschieden, im amerikanischen Westsektor von Rudow aus
nach Berlin-Altglienicke im Ostteil den Schacht zu bauen. Immerhin 500 m. Dazu wurde ein
Gebäude als Radarstation errichtet. Das war aber nur zur Tarnung. Das Gebäude war völlig
unterkellert und von dort aus grub man den Tunnel, und dort in dem Keller wurde auch
der Aushub gelagert.
Dann gab es ein Problem mit einer unerwarteten Klärgrube eines ausgebombten Hauses und
dann vor allen Dingen mit einem tiefer als erwartet liegenden Grundwasserspiegel. Man mußte
den Tunnel danach höher legen, 1,5 m unter der Erdoberfläche - was natürlich gefährlicher war.
Aber man hat es nach 6 Monaten Bauzeit geschafft (auch die Anlieferung des notwendigen
Materials für die Auskleidung des Tunnels war nicht so einfach, weil die Züge beim Passieren
der Grenzen ausführlich kontrolliert wurden; es wurden Kisten mit doppelten Böden verwendet).
Man hat aber auch an alles gedacht. Bevor das erste Kabel angezapft wurde, hat man den Druck
im Tunnel erhöht - falls im Inneren des Kabels ein erhöhter Druck herrschte. Das war aber nicht
der Fall. Woran man nicht gedacht hatte, war die Auswirkung des Tunnels im Winter bei Schneefall.
Kaum hatte es ein wenig geschneit, war der Tunnel ob am Boden deutlich sichtbar, weil dort der
Schnee wegtaute. Dann hat man schnell, schnell Kühlgeräte besorgt.
Der Witz an der Sache war, daß die Russen über den Tunnelbau umfassend informiert waren.
Sie hatten in London beim britischen Geheimdienst einen Spion. Einen britischen Staatsbürger
namens George Blake. Soweit ich weiß, war der im Koreakrieg von den Nordkoreanern gefangen
genommen worden und als er sah, daß die US-Streitkräfte ziemlich brutale Luftangriffe ohne
Rücksicht auf die Zivilbevölkerung führten (sozusagen das Vorspiel für den Vietnamkrieg), ließ
er sich vom KGB anwerben. Der KGB war aber nicht so dumm, den Tunnel noch vor der
Inbetriebnahme auffliegen zu lassen. Das hätte ja logischerweise ihren Informanten in London
stark gefährdet. Sie ließen die Abhöraktion 11 Monate laufen (1955).
Jetzt im Film wird es nun so dargestellt, daß es eine der größten und erfolgreichsten
Spionageaktionen der Geschichte war. Eine halbe Million abgehörte Gespräche. Kann ja sein,
daß eine Menge interessanter Informationen geflossen sind. Insbesondere wurde den Amerikanern klar, daß kein sowjetischer Angriff bevorstand.
... war doch schön für sie. Dann konnten sie sich anderem "Kram" widmen.
Was gab es denn damals alles so? - Iran war 1952, dann Mitte der 50er Ägypten, alle diese
Kämpfe in den Kolonien, Südostasien mit Vietnam war natürlich auch so eine "Kiste", Korea
ohnehin. Ungarn 1956 nicht zu vergessen.
Zugegeben, wenn, wie geschehen, bis 1953 ein solch machtvoller Dikdator in der Sowjetunion
herrschte - das war nicht so einfach. Aber irgendwie ist es schon seltsam, daß die Amerikaner
nie so richtig effektiv und wirkungsvoll in der damaligen Sowjetunion spionieren konnten. Ein
abgeschottetes Land... sicher. Gegenspione bei sich, die alle Pläne erfuhren und mit dafür sorgten,
daß alle Aktionen in der Sowjetunion im Keime erstickt wurden. Dennoch waren die Amerikaner
vielleicht doch irgendwie zu einfallslos. Man hatte dann ja auch mit den Deutschen zu tun...
Im Grunde genommen, wenn man es sich so anschaut, ist all diese Spioniererei ein großer
Käse. Das geht schon mit der Wirtschaftsspionage los. Das ewige Mißtrauen wird geschürt.
Und dann führt es zu solchen Zuspitzungen, wie es der Kalte Krieg war.
Die Amerikaner (wahrscheinlich waren sie die Urheber) haben doch eine so schöne Floskel von der
"win-win-Situation" erfunden. Das sollte man vielleicht einmal auf die gesamten Bereiche
menschlichen Zusammenlebens anwenden, um wegzukommen von solchen, letzten Endes völlig
blödsinnigen und vor allem gefährlichen Aktionen.
Die Enttarnung des Tunnels, übrigens, haben die Russen recht clever eingefädelt. Nach
tagelangem Regen wurden DDR-Techniker zur Störbehebung losgeschickt. Die "entdeckten"
dann den Tunnel...
PS.:
Ich glaube, Einfallslosigkeit war noch das kleinere Übel der Amerikaner in ihrer Spionagetätigkeit
gegen die Sowjetunion. Es war wohl mehr eine Unterschätzung dieses Staates. Die Amerikaner,
die bereits zu Beginn des vorigen Jahrhunderts eine starke Industrienation geworden waren - siehe
Ford, die Wolkenkratzer von New York, die Golden Gate Bridge u.a. - nahmen die russischen
Veränderungen wohl nicht allzu ernst. Auch hofften sie, daß (Nazi-)Deutschland die Verhältnisse
ändern würde und die Sowjetunion, diesen "Elefanten auf tönernen Füßen" zum Zusammenbruch
bringen würde. Die Lieferung von Waffen an den Allierten war ja dann wohl vor allem so eine Art
"Anheizmaterial" für die dortigen Schlachten. Denn zu schnell sollte die Sowjetunion nun auch nicht
einbrechen, nachdem Hitler versucht hatte, England niederzuringen.
Und dann auch noch 1949 China "rot"...
Und daß die Russen so schnell den Bau der Atombombe schaffen würden - auch damit hatten die Amerikaner nicht gerechnet. Sicher, Spionage war dabei sehr stark unterstützend im Spiel.
Und 1957 der Sputnikschock. Der "arme" Wernher von Braun fragte sich verzweifelt, wer bei den
Russen die Raketen baut.
Also, in Summe - 2 bis 3 Jahrzehnte den Gegner stark unterschätzt...
Das ist wohl die Wahrheit der amerikanischen Spionage-"Erfolgsstory".
Und dieser Tunnel - so sehr die Aktion natürlich technisch gesehen eine Glanzleistung war - kann
daran nichts ändern. Es kann ja sein, daß es ab diesem Zeitpunkt eine gewisse Wende gab,
daß die Amerikaner ab damals dann mehr unternahmen. Aber mehr von außen, als von innen.
Und letztlich haben auch wir Deutschen von all dem dann weiter viel Schaden erlitten.
Denn die Wahrheit ist, daß nach solchen Aktionen - und nicht nur wegen der Opposition im eigenen
Land - die Stasi weiter erstarkte. Denn man mußte ja das Land gegen solche Angriffe "beschützen".
PS.2:
Ich habe zu George Blake nachgelesen. Er konnte damals als Doppelagent weiterarbeiten
Aber wie das so ist... irgendwann wird meist auch der Verräter verraten.
1961 wurde er zu 42 Jahren Gefängnis verurteilt. Das war eine der höchsten Strafen im damaligen
England (vor einigen Jahrhunderten war es noch etwas wilder - da war ja ständig Zeit
für Hinrichtungen in London). Am 22.10.1966 gelang Blake die Flucht aus einem Gefängnis
mitten in London. Die genaue Geschichte, wie ihm das gelungen ist, kenne ich nicht. Da werden
widersprüchliche Angaben gemacht. Aber ich vermute, daß die Version, ihm hätten Mithäftlinge
aus Irland geholfen, wohl zutreffend ist. Die sympathisierten zwar nicht mit dem Kommunismus,
aber mit Blake als Person und da er ein so prominenter Gefangener im Vereinigten Königreich war,
konnte man auch den Briten eines auswischen. Scotland Yard hat natürlich emsig gesucht, während
Blake in der Nähe vom Gefängnis in einer kleinen Wohnung versteckt wurde. Mit einem
Campingwagen ist er dann wenige Wochen später mit einer Fähre nach Belgien gelangt
und dann weiter bis nach Moskau.
Ist schon beeindruckend, welcher Aufwand da betrieben wird.
Da wird es wohl noch viele James Bond-Filmchen geben, auch in der Zukunft.
Das ist ja so eine moderne, zivilisierte Form von Gruselfilm...
PS.3:
Ich habe mir das noch einmal durch den Kopf gehen lassen.
Wie gesagt, die Leistung der Briten und Amerikaner, vor allem in technischer Hinsicht, sind
respektabel. Aber die Einschätzung, daß diese Aktion "so erfolgreich" war, wird wohl Blödsinn
und nur eine Schönfärberei sein. Denn, was hätte ich in einer solchen Situation getan, wenn ich
auf Seiten der Russen Verantwortung getragen hätte? Daß die Aktion nicht offen gestört wurde,
um den Spitzenagenten in London nicht zu gefährden, ist logisch. Daß es nicht möglich war, alle
Gesprächskanäle bei einem so großen Leitungsbündel zu manipulieren, ist auch logisch. Aber es
war doch zumindest erst recht logisch und sicher auch möglich (und wenn nicht, dann hätte man
es möglich gemacht) die wichtigen und wirklich entscheidenden Gespräche von diesem
Knotenpunkt fernzuhalten. Das wäre meine Entscheidung - als Geheimdienstverantwortlicher -
gewesen. Und ich vermute, daß es genauso war.
Ergo - die Amerikaner haben nur verhältnismäßig Nebensächliches zur Kenntnis bekommen.
Die Aktion war, gemessen an den Zielen, ein Flop.
Und wenn man das jetzt - nach 50 Jahren - nicht offen ausspricht, dann ist man letzten Endes
unglaubwürdig. Der im Film auftrentende Ex-KGB-Mann wird entweder nicht alles gewußt haben
oder er hat vornehm gegenüber seinen Gastgebern geschwiegen, um die schöne Erfolgsnostalgie
der Public Relation-Veranstaltung der US-Army nicht zu stören.
(Es ist natürlich auch die Frage, was aus der Spionin im Post- und Fernmeldeministerium der DDR
danach geworden ist. Im Film wurde dazu nichts gesagt. Bei einer solchen Gegenaktion, wie ich sie
gerade beschrieben habe, hätte sie natürlich auch noch wirksam werden können. Aber ich vermute,
daß die Russen nach Kenntnis des Tunnelbaus auch gezielt nach dem Informationslieferanten
bezüglich der Telefonkabel gesucht haben und vielleicht vorbeugend sogar die gesamte Crew
dort im Ministerium haben auswechseln lassen. Die waren nicht so "feinfühlig", wie die Briten, die
Blake noch weitere 5 Jahre vertrauten.
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